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DIE SELBSTVERWALTUNG DES CAMPS UND IHRE PROBLEME

 

 

Für die gesamte kurdische Landbevölkerung des Ostens der Türkei stellte sich nach der Zerstörung ihrer Dörfer durch das Mititär die Frage, wohin man Zuflcht nehmen könne. Die meisten entschieden sich dafür, erst einmal in die Metropolen des Westens zu gehen, wo sie hofften, mit der Unterstützung schon früher emigrierter Familienangehöriger zu überleben. Uns aber ging es nicht nur um ein Überleben. Wir wollten nicht mehr so weitermachen müssen wie bislang. Die brutale Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und unserer Würde und unseres Stolzes hat uns die Augen dafür geöffnet, daß ein Leben für Kurden unter den derzeitigen Bedingungen kein Leben sei. Darum beschlossen wir, aus unserer Vertreibung in einen Akt des Widerstandes zu machen. Aber wie sollten wir das anstellen? Es waren Menschen aller Altersgruppen unter uns; Neugeborene, Alte und Kranke. Bewaffnet kämpfen konnten und wollten wir nicht. Wir wollten leben. Leben in Freiheit und Frieden. So beschlossen wir, die Türkei so lange zu verlassen, bis sie bereit wäre, die Rechte des kurdischen Volkes anzuerkennen und zu schützen. Wir wußten, daß unser Problem, wenn wir uns außer Landes begeben würden, zu einer Frage von internationaleR Bedeutung werden mußte.

Diese Entscheidung bedeutete aber in erster Linie unseren Willen zur Selbstveränderung. Wir konnten schließlich nicht von der Türkei die Einführung demokratischer Standards fordern, so lange wir selbst an unseren alten feudalen Strukturen festhielten!

Das war leichter gesagt als getan. Was uns fehlte, war vor allem die Praxis. Das System in der Türkei unter dem wir groß geworden waren, hatte uns nur blinden Gehorsam und Gewalt gelehrt. Jetzt mußten wir demokratische Entscheidungsfindungsprozesse lernen. Das bedeutete vor allem, andere Menschen mit Respekt zu behandeln unabhängig davon, ob es sich um Alte oder Junge,  Männer oder Frauen handelte. Dadurch haben sich die Geschlechterbeziehungen im Camp nachhaltig verändert. Nur zwei Beispiele: Selbst in der ersten Zeit, als jederzeit Angriffe auf das Camp zu befürchten waren, waren Männer und Frauen gemeinsam für die Wachen verantwortlich gewesen. Während viele Familien früher nicht dazu zu bewegen waren, ihre Töchter überhaupt zur Schule zu schicken, sind heute viele der LehrerInnen weiblich.

 

Wir begannen, Kommissionen einzurächten, die mit der Organisation des Alltagslebens beschäftigt waren. Wir legten Wert darauf, daß aus jeder Familie jemand dabei war, wenn zum Beispiel Lebensmittel verteilt wurden. Nur so konnten wir Neid und Mißtrauen verhindern. Jeder sollte sich für das Campleben verantwortlich fühlen. Wenn dann nämlich etwas nicht klappte, mußte man ernsthaft nach den Ursachen dafür suchen und konnte sich nicht einfach aufs Meckern verlegen. Oft genug mußte man sehen, daß die Schuld nicht bei den andern lag, sondern bei einem selbst. Das waren wichtige Lernsprozesse, die noch nicht abgeschlossen sind. Aber wenn wir uns heute im Mittleren Osten umsehen, können wir sagen, daß wir die Stufe, auf der sich die meisten Gesellschaften befinden, längst überwunden haben. Heute würden wir gerne helfen, anderen den Weg in die Demokratie zu zeigen, den wir vor zehn Jahren angefangen haben zu beschreiten.

 

Wie gesagt, selbst während der ersten Fluchtjahre, als die Bedingungen für uns wesentlich schlechter waren als heute, waren wir immer bemüht, unser Leben entlang demokratischer Standards zu organisieren. Für ein Leben in Frieden und Demokratie haben wir unsere Heimat verlassen müssen, aber nur durch das Festhalten an diesen Standards konnten wir die folgenden schwierigen Jahre ertragen; in dem Glauben daran, daß wir eines Tages bessere Zeiten in Frieden und Demokratie erleben würden.

in den letzten wesentlich ruhigeren Jahren in Maxmur haben wir es geschafft, die Strukturen des Camps in allen organisatorischen Bereichen zu verbessern. Heute organisieren alle Arbeitsfelder  (Erziehung, Gesundheit, Basisarbeit, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit) ihre Arbeit selbständig und in regelmäßigen Versammlungen werten sie sie aus. Gewählte VertreterInnen eines jeden Bereichs sitzen im Volksrat, der höchsten Vertretung der Flüchtlinge. Der zweite Rat ist der Camprat. Wie die Mitglieder des Volksrates sind auch der Bürgermeister und die Mitglieder des Camprates auf ein Jahr von allen CampbewohnerInnen gewählt. Das Frauenparlament wird nur von den Frauen des Camps gewählt. Vor Ablauf einer jeden Wahlperiode findet die jährliche allgemeine Campkonferenz statt, auf der jeder Bereich seinen Arbeitsbericht vorlegt. Anhand dieser Berichte wird die Arbeit des Bereichs bewertet und die Planung für das nächste Jahr gemacht. Dieses System wurde von allen CampbewohnerInnen gemeinsam entwickelt und es funktioniert im allgemeinen sehr gut. Kleinere Mängel werden dadurch behoben, daß man das System als solches immer wieder diskutiert. Es ist nicht statisch, sondern wird den jeweiligen Gegebenheiten angepaßt. Sollte es doch einmal Probleme geben – diese können bei dem Zusammenleben von so vielen Menschen nicht ausbleiben – werden sie so lange diskutiert, bis sich eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung gefunden hat.

 

Daran allein läßt sich schon zeigen, daß die Hauptprobeme des Camps nicht in seiner inneren Organisation liegen, sondern in der ungenügenden Ausstattung und Versorgung. Wir, die Mitglieder der Verwaltung sehen es als unsere Pflicht an, den Flüchtlingen hier im Camp jede nur erdenkliche Erleichterung zu verschaffen, nachdem sie über Jahre hiinweg so viele Entbehrungen auf sich nehmen mußten, aber uns sind leider die Hände gebunden. Der schmale Haushalt der Selbstverwaltung reicht nicht einmal aus, um die am dringenst notwendigen Dinge bezahlen zu können.

Viele unserer Probleme hängen mit den Mängeln im Unterbau des Camps zusammen. Das Hauptproblem wird verursacht durch das Nichtvorhandensein einer funktionierenden Kanalization. Obwohl wir dieses Problem des öfteren mit dem Verantwortlichen des UNHCR besprochen und auch die Zusage erhalten haben, daß dieses Problem gelöst werden wird, ist bislang noch nichts geschehen. Aus der monatlichen Statistik des Gesundheitszentrums geht hervor, daß die am häufigsten im Camp auftretenden Krankheiten solche sänd, die durch mangelnde Hygiene verursacht werden. Das ist auch kein Wunder, wenn die Abwässer direkt neben den Häusern im Boden versickern, an den Stellen, wo die Kinder spielen. Es ist schon frustrierend, daß all dieses bekannte Tatsachen sind, um die jeder weiß, daß sie dennoch immer wieder auf der Tagesordnung sind. Wir selbst haben nicht einmal einen Abpumpwagen, um die sanitären Anlagen zu leeren. Das einzige, über das wir verfügen, ist ein alter Traktor, der die meiste Zeit defekt ist, so daß wir nicht einmal regelmäßig den Abfall des Camps abfahren können. Es wäre wohl auch zuviel, eine ausgewiesene Deponie außerhalb des Camps zu verlangen. Hingekippt wird, wo Platz ist.

Externe Kontrollen haben erwiesen, daß die Qualität unseres Trinkwassers überaus schlecht ist. Seit dem Ende des Krieges leiden wir unter extremer Wasserknappheit. An einigen Tagen kommt überhaupt kein Trinkwasser ins Camp, an anderen für weniger als eine halbe Stunde, zustehen täten uns neunzig Minuten. Da 70% aller Familien keinen ausreichend großen Wassertank haben, kommen sie in ernste Schwierigkeiten, wenn die Wasserversorgung auch nur für einen Tag unterbrochen ist. Probleme mit Strom und Wasser gab es wie gesagt auch schon vor dem Krieg aber noch nie war die allgemeine Versorgungslage so schlecht wie zur Zeit, zumal wir jetzt wir auch noch eine Kerosinkrise haben, (Kerosin ist der Brennstoff für unsere Kocher) und das in einem der erdölreichsten Länder der Welt.

Im Irak baut die Dorfbevölkerung traditionell ihre Häuser aus ungebrannten Lehmziegeln und Stein. Wegen der natürlichen Gegebenheiten haben wir diese Bauweise übernommen. Durch die für die Region extremen Regenfälle im letzten Winter sind achtzig Häuser unbewohnbar geworden, viele andere haen so starken Schaden genommen, daß sie den nächsten Regen mit Sicherheit nicht überstehen werden. Der UNHCR versprach zum Jahresbeginn, Baumaterial für Instandsetzungsarbeiten zu schicken, aber obwohl es bald schon wieder Herbst wird und der nächste Regen zu erwarten ist, haben wir weder Nylon noch andere Materialien, mit denen wir die Dächer abdichten könnten. Genereell läßt sich zu unserer Wohnsituation sagen, daß die Häuser viel zu eng sind, waren sie ja auch nur als ein Übergang gedacht. Die meisten Familien haben nur einen Wohnraum für in der Regel acht bis zehn Kinder. Auf diese Weise können Krankheiten leicht zu Epedemien werden und andere wie Tuberkulose lassen sich nicht ausrotten, weil an Quarantäne nicht einmal zu denken ist. Die durch jahrelangen Mangell ausgezehrten Menschen fallen in den heißen Sommermonaten zu hunderten dem Typhus zum Opfer.

 

Ein weiterer Problembereich betrifft die Arbeitssituation. Die Arbeitslosigkeit unter der Campbevölkerung liegt bei fast 100%. Ohne moderne Bewässerungsanlagen kann man auf dem trockenen Wüstenboden keinen Garten- und Ackerbau beteiben. Darum auch haben wir schon seit längerem angeregt, das Camp in eine andere Gegend zu verlegen. In unseren Dörfern in Nordkurdistan lebten wir fast alle ausschließlich von der Landwirtschaft. Kaum jemand von den älteren Campbewohnern hat einen anderen Beruf erlernt. Hier sind diese Menschen nur alle zur Untätigkeit verdammt und auf permanente Hilfe von außen angewiesen.  Auch in der nahegelegenen Stadt gibt es keine Arbeit für uns. Es fehlt an jeglicher Industrie. Was wir bräuchten wären Werkstätten der verschiedensten Art, in denen einerseits ausgebildet, andererseits produziert würde. Der UNHCR hat vor zwei Jahren eine Tischlerei errichtet, aber es gibt kein Werkmaterial, so daß die Maschinen ungenutzt dastehen. Die einzige Wekstatt, die in Betrieb ist, ist eine Schneiderei, die kostenlos für das Camp näht.

Auch alle anderen Arbeiten werden auf ehrenamtlicher Basis verrichtet. Dazu gehört auch die der 92 LehrerInnen, denen es zu verdanken ist, daß die Jugend des Camps bislang mit Bildung versorgt war, damit diese in der veränderten Welt des 21. Jahrhunderts ihren Platz in der Gesellschaft und eine bessere Zukunft finden möge. So lange wir uns abgeschnitten von der Außenwelt in den Grenzen des Campes bewegten, spielte Geld keine wesentliche Rolle. Aber mit der Öffnung des Irak habn sich neue Möglichkeiten ergeben, von denen aber nur der profitiert, der es sich leisten kann. Hinzu kommt, daß das öffentliche Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen ist. Die kostenlose medizinische Versorgung, die auch sämtliche operative Eingriffe beinhaltete, ist aufgehoben worden. Geld oder Leben heißt es nun, wenn es um dringende Operationen geht.

Ehrenamtlichkeit ist eine sehr werwolle Sache gerade in einer Welt, wo das individuelle Streben immer mehr in den Vordergrund rückt. Sie aber von Flüchtlingen zu erwarten, die seit zehn Jahren unter den widrigsten Bedingungen, alleingelassen von der Welt, den Angriffen der türkischen Armee sowie den südkurdischen Kräften ausgesetzt, ihr gesamtes Leben in den Dienst der Menschheit für den Aufbau einer neuen Welt, die von demokratischen und friedlichen Maßstäben geleitet wird, gestellt haben und die heute noch immer um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen zu erwarten, ist zynisch. Wir selbst sehen es als eine sehr negative Entwicklung innerhalb der neuen demokratischen Phase an, daß auch wir nun Lohn für unsere Arbeit forden müssen, was unseren eigenen Prinzipien für ein gesundes gesellschaftliches Zusammenleben widerspricht. Aber manchmal sind äußere Zwänge eben stärker als moralische Prinzipien, vor allem weil wir auch an dad Überleben unserer eigenen Kinder denken müssen. Wir hoffen nur, daß sich durch diese neue Denkweise unsere Haltung zu der eigenen Arbeit nicht negativ verändern wird.

 

Doch nicht alle unsere Probleme und Sorgen sind von einer so generellen Tragweite wie die, die wir eben angesprochen haben. Manche ließen sich ganz leicht mit ein bißchen Unterstützung und gutem Willen lösen. So fehlt es an Lagerkapazitäten für Nahrungsmittel und Kerosin und einem Generator für die elektrische Notversorgung des Camps.

Vor einem Jahr hat eine französische Delegation mit dem Bau eines Spielplatzes und und einem großen Badebecken für die Kinder des Campes begonnen, damit damit diese nicht mehr in einer Wasserstelle baden müssen, in der auch Tiere und Wäsche gewaschen werden. Jetzt fehlt noch der Brunnen, um das Wasserbecken auch füllen zu können. Es würde der erste Spielplatz für 6.000 Kinder sein!

 

Das mag sich jetzt anhören, als würden wir uns über unser Schicksal beklagen wollen, das ist nicht so. Aber um zu verstehen, unter welchen Bedingungen wir leben, welche Sorgen und Probleme uns bedrücken, darf man unsere Schwierigkeiten nicht verschweigen wollen. Das hat man von offizieller Seite lange genug getan.

Manche unserer Probleme ließen sich, wie wir versucht haben zu zeigen, sehr einfach beheben und vielleicht findet sich ja auch die eine oder andere Organisation in Europa, die dem Camp und seinen BewohnerInnen helfen möchte. Es gibt vieles, womit man den Menschen hier eine große Freude machen könnte. Die größte wäre natürlich, unsere Forderungen nach Frieden und Demokratie an die Öffentlichkeit zu tragen. Das ist noch wichtiger als jede materielle Hilfe.

 

Alle, die Lust bekommen haben, mehr über Maxmur und seine Menschen zu erfahren, können uns per e-mail erreichen oder noch besser, das Camp besuchen. Wir freuen uns über jedes Interesse an unserer Arbeit und sind sehr an einem Austausch interessiert.

Mit solidarischen Grüßen

 

Der Bürgermeister des Flüchtlingscamps Maxmur

 

Ali Mijini

 

ardan1999@yahoo.com

 

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